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Landschaftsnutzung und Naturschutz

Karawanserei, Halva und der Khanpalast

Alle schwärmen von Sheki – ich auch. Das letzte Wochenende hat unsere WG wieder genutzt, um mehr von Aserbaidschan zu sehen und dem Moloch Baku zu entkommen. Das Gute ist, man kann mit dem Nachtzug nach Sheki fahren und dort mehr oder weniger ausgeschlafen ankommen, aber man muss sich frühzeitig um Tickets kümmern. Das haben wir getan und auch die zwei Manat Aufpreis für einen Schlafplatz im Coupé nicht gescheut. Leider kann man keine Rückfahrkarten kaufen, auch nicht an der Kasse bei der Ankunft in Sheki. So muss man also darauf vertrauen, irgendwie wieder nach Baku zurückzukommen, aber dazu später mehr – es ist schliesslich sehr unaserbaidschanisch im Voraus zu planen. Es ist übrigens auch sehr unaserbaidschanisch praktisch zu sein, in jeder Lebenslage und natürlich befindet sich der Bahnhof nicht etwa in der Stadt, sondern fünf Kilometer südlich entfernt. Also wird man bei seiner Ankunft von Taxifahrern umringt, die glauben, jeder halbwegs nach Touri aussehende Fahrgast ist dumm wie Brot und lässt sich völlig überteuert nach Sheki fahren. Wir haben uns für vier Manat nach Sheki bringen lassen und weitere Preiserhöhungs-Versuche seinerseits eiskalt abblitzen lassen.

ShekiKarawanserei Sheki

Dafür hat uns der etwas enttäuschte Fahrer bei einem Büro abgesetzt, bei dem man angeblich Rückfahrkarten kaufen kann. Aber natürlich war es noch geschlossen, es war schliesslich erst acht Uhr und wir konnten überhaupt froh sein, um diese Zeit schon Frühstück essen zu können – oder so etwas in der Art. In einer Bäckerei gab es, neben sehr süßen Speisen, nur Kakao, sehr süßen Kakao,  oder sollte ich besser sagen – dunkelbraunes Zuckerwasser?

Nun denn, da das Büro immer noch geschlossen war, riefen wir den Fahrkahrtenverkäufer an bzw. aus dem Bett und machten solange einen Rundgang durch Shekis Basare und versuchten es dann erneut.  Leider war es der falsche Laden, schade auch für den Fahrkartenverkäufer, der nun wahrscheinlich umsonst aufgestanden ist. Aber hier konnte man nur Zugfahrkahrten nach Russland kaufen. Ich mein, auch gut zu wissen, falls man mal von Sheki nach Jekaterinenburg oder so fahren möchte. Nebenan war wohl der richtige Fahrkartenverkaufsladen, aber dort wurde uns nur ein Zettel in die Hand gedrückt. Darauf stand der ominöse Name “Hamlet”, was auch ein Code sein könnte, und eine Telefonnummer, welche man um acht Uhr abends anrufen solle.

Wir stellen generell keine Fragen mehr in diesem Land und suchten uns als nächstes ein Hotel. Zur Auswahl standen die Karawanserei und das “Panorama Hotel”, was ideal für einen schmalen Geldbeutel sein soll und dazu seinem Namen wohl alle Ehre macht. Als Anhaltspunkt zum Auffinden des Hotels galt aus der Beschreibung eines Freundes ein Fussballstadion, das wir auch gefunden haben. Das Stadion wurde anscheinend anlässlich der Bewerbung Bakus  für die Olympischen Spiele 2016 gebaut. (Irgendwie überkommt mich bei dem Gedanken, dass sich Aserbaidschan ernsthaft als Austragungsort der Olympischen Spiele beworben hat, ein fast schon mütterliches Gefühl, dann möchte ich dieses kleine niedliche Land in den Arm nehmen und trösten.) Aber das “Panorama Hotel” selbst haben wir nicht gefunden und da sich langsam Unmut breit machte, schliesslich wollte man gern mal auf Toilette gehen, duschen etc., gingen wir weiter zur Karawanserei und das war auch gut so. Denn das hatte nun wirklich Stil, den gewissen Flair aus 1001 Nacht, den Hauch orientalischer Exotik und das Ganze für zwölf  Manat pro Nacht und Nase.

Karawanserei EingangKarawanserei Zimmer

Die drei grossen Karawansereien in Sheki stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert und zeugen  von seiner Bedeutung als Handelsplatz auf der Handelsroute zwischen Dagestan und der südlich vom Kaspischen Meer verlaufenden Seidenstrasse. Auch wenn Sheki nicht direkt auf der Seidenstrasse liegt und die örtliche Seidenproduktion “nur” auf die Sowjetära zurückgeht, welche immerhin die grösste Seidenfabrik der UdSSR war und den wenig überraschenden Namen “Lenin Kombinat” trug (Oppeln, Aserbaidschan, Trescher Verlag 2009),  so fühlt man dennoch diesen orientalischen Hauch in den ehrwürdigen Mauern der Karawanserei.

Nach einem zweiten Frühstück mit Kaffee (!) in der Gelersen Görarsen Festung war auch unser Wasser endlich angeheizt und wir konnten duschen, etwas relaxen und weitere Schritte planen. Wir entschieden uns natürlich für den Khan-Palast (Xan Saray) und einer Besichtigung der Seidenfabrik oder doch zumindest des Seidenfabrik-Shops, um endlich einige vernünftige Souveniers zu ergattern. Echte Seidentücher aus Sheki, das hätte was, aber wir haben den Laden nicht gefunden und die Seidenfabrik machte nicht den Eindruck, dass sie Gäste willkommen heisst. Dafür war der Kahn-Palast sehr beeindruckend, er ist laut Oppeln, Aserbaidschan (Trescher Verlag, 2009)die wohl berühmteste Attraktion Shekis” und “wurde Ende des 18. Jahrhunderts im osmanischen Stil erbaut“. Aber auch die beiden 480-jährigen Platanen auf dem Palast-Hof, die in den schönsten Herbstfarben ihre Aufwartung machten, waren durchaus sehenswert. Ansonsten sollte man sich auf jeden Fall den Basar in Sheki anschauen, aber dafür war es dann leider schon zu spät, die Stände wurden gerade abgebaut, man kann nicht alles haben.

Khan-Palast ShekiMarkt Sheki

Na dann fehlte eigentlich nur noch die Verköstigung einer besonderen “Baklava-Spezialität” aus Sheki: “Halva”. Gut, Baklava ist ja in der Regel schon sehr süss und generell wird hier sehr viel Zucker verwendet, zum Beispiel fünf Teelöffel Zucker pro Teeglas, aber das man süss, süsser, am süssesten geschmacklich noch steigern kann, war dann doch überraschend. Wir kauften also in einen der vielen Halva-Läden eine geheimnisvolle Holzschachtel und öffneten sie direkt einige Meter weiter, um den Inhalt zu probieren. Wir waren schliesslich neugierig, hockten uns an den Strassenrand, fast wie die Einheimischen und versuchten nun mit einem Opinel-Messer Herr über diese klebrige Masse aus Honig und gehackten Nüssen zu werden. Nach dem jeder ein Stückchen probiert hat und sich bei jedem das Gesicht zusammenzog, packten wir die Schachtel wieder ein und hielten es für eine bessere Idee, diese besondere Baklava-Spezialität aus Sheki am nächsten Tag mit zum Wandern zu nehmen. Das gibt Energie und wenn man nur genügend Hunger hat, wird man es schon essen, dachten wir.

Am nächsten Morgen entschieden wir uns jedoch dafür, die Schachtel samt ihrem süssesten Inhalt im Zimmer liegen zu lassen. Auch wenn es gemein war, diese besondere Spezialität aus Sheki einfach so zurückzulassen, aber sie hätte sicherlich den kompletten Inhalt eines Rucksackes verklebt und das wollte nun wirklich keiner von uns. Da das Wetter nicht so toll war und wenig zu Wanderungen in den Bergen einlud, fuhren wir mit einer Mischung aus LKW und Bus nach Kisch und guckten uns eine albanische Museumskirche an. Kisch lag komplett in den Wolken und man sah leider nicht viel, dafür war die Theorie des experimentellen Archaeologen Thor Heyerdahl, “der eine historische Verbindung Norwegens und Aserbaidschans unter anderen an den Petroglyphen von Qobustan erkennen will” recht interessant: Also, die blondhaarigen und blauäugigen Albaner, die wenig mit den heutigen Albanern zu tun hatten, deren Name sich vielmehr von dem Wort Albino ableiten lässt, sind wohl mal nach Norwegen gewandert und haben sich dort niedergelassen…

Gut, ich habe dann nicht mehr wirklich zugehört, obwohl ich grossen Respekt vor Heyerdahl und seinen Expeditionen habe. Statt Berge der näheren Umgebung zu erklimmen, sind wir nach Sheki zurückgelaufen, wobei wir mehrmals von vorbeifahrenden Leuten gefragt wurden, ob wir denn nicht mit wollen. So wie wir uns über viele Dinge wundern, wundern sich nämlich auch die Aserbaidschaner über diese seltsamen Deutschen, die mit einem Vogelbuch und Fernglas in die Berge gehen, die alte, ganz normal beladene Ladas fotografieren und im Restaurant nicht im Separé sitzen wollen.

a laden LadaLada in Sheki

Aber über eines darf ich mich noch wundern, wie man in Aserbaidschan an Zugtickets kommt. Denn wir haben diesen ominösen Hamlet angerufen und er hat wohl vier Tickets für uns “reserviert”, aber ohne sich die Namen oder irgendetwas zu notieren, während in Baku beim Verkauf die Vorlage des Reisepasses notwendig ist. Am Sonntag weit vor der geplanten Abreise sind wir also sicherheitshalber mit einem Taxi zum Bahnhof gefahren und haben dort gewartet, bis der Schalter geöffnet wurde. Nachdem Martina an der “Kassa” gesagt hat, dass wir Hamlet angerufen haben und die Tickets mit der Hand ausgefüllt wurden, fuhren wir wieder nach Sheki, denn wir hatten noch über zwei Stunden Zeit. Die haben wir sinnvoll im gleichen netten Sheki-Seray-Restaurant wie am vorigen Abend verbracht. Schliesslich hat es viele Vorteile, wenn einen die Kellner schon kennen, denn dann wissen sie beispielsweise schon, dass man Bier bevorzugt kalt und nicht aus Gläsern trinkt. (Was insbesondere bei den hiesigen Bieren wie das gängige Xirdalan von besonderer Wichtigkeit ist, da sie einen kleinen Hang zum Schnell-Schal-Werden haben, aber das nur am Rande.)

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